Der Stellenwert der Musik


Klänge entstehen durch Luftschwingungen, die auf den Gehörsinn einwirken. Im Gegensatz zu anderen menschlichen Kunstgattungen ist Musik unsichtbar und in einer Weise präsent, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Die Stimme und das Instrumentalspiel sind nicht nur Vehikel physikalischer Wirkungen, sondern übermitteln seelische Botschaften. Musik ist geistige Nahrung. Die Anmut der Musik bezaubert die Herzen und verstärkt Gefühle. Sie steigert die Aufnahmebereitschaft des Menschen in jeglicher Hinsicht. Sie kann positiven Einfluss auf das Herz-Kreislaufsystem und die Gehirnaktivität entfalten. Besonders Kinder werden von ihr bewegt. Es heißt, dass die „verborgenen Talente, die in den Herzen der Kinder schlummern, durch das Mittel der Musik Ausdruck finden.“ (‘Abdu’l-Bahá, Zusammenstellung Musik, S.12)  Wenn Kinder spielerischen Zugang zu ihrem musischem Wesen durch Malen, Tanz und Musik erhalten, können sie zu sich selbst zu finden. Ausgeglichene Personen, werden, wenn sie aus der Fassung geraten sind durch Musik besänftigt.

Bahá’u’lláh, der Stifter des Bahá’í-Glaubens, sah die Musik als wertvolle Kunstgattung an. Er beschrieb den Zweck, die Möglichkeiten und die Ethik der Musik: „ Wir haben euch Musik und Gesang erlaubt, doch seht euch vor, daß dies euch nicht verleite, des Anstands und der Würde Grenzen zu überschreiten. Eure Freude entspringe Meinem Größten Namen, einem Namen der das Herz frohlocken lässt und allen Gott nahen den Geist mit Verzückung erfüllt. Wir haben wahrlich die Musik zu einer Leiter für eure Seelen gemacht, zu einem Mittel für ihren Aufschwung in das Reich der Höhe. So macht sie nicht zu einem Flügelpaar des Selbstes und der Leidenschaft. Wir wollen euch wahrlich nicht den Narren zugesellt sehen! (Kitáb-i-Aqdas, 51) Für diese Sichtweise gibt es in unserer Kultur Entsprechungen. Johann Sebastian Bach sah die Bestimmung der Musik darin, dass sie „Gott zur Ehre“ und dem „Menschen zur Recreation des Gemütes“ verhelfen solle. zitiert aus Wiki: J. S. Bach: Vorschriften und Grundsätze zum vierstimmigen spielen des General-Bass oder Accompagnement für seine Scholaren in der Music. 1738. Zitiert bei Philipp Spitta: Johann Sebastian Bach, gesehen 20. März 2010.

Sobald wahrhaftige Musik erklingt, wird die  eine „Anwesenheit der innersten schöpferischen Wirklichkeit der Welt spürbar“ , so formuliert Botho Strauss in seinem Essay „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“. Sergiu Celibidache sagt in einem Interview über seine Philosophie der Musik, dass sie auf die „innerste Kernschwingung der Welt“, die die Religion Gott nennt, hinweise. Celibidache macht deutlich, dass nicht jeder Klang zur Musik wird. Dazu bedarf es seiner Ansicht nach der feinen Abstimmung der Elemente des Klangs, bis er so vollkommen ist, dass sich die geistige Dimension der Musik erschließt.

Es macht einen Unterschied, ob wir davon ausgehen, dass der Mensch vom Tierreich abstammt, oder ob wir annehmen, dass der Mensch neben Übereinstimmungen auch wesentlich andere Merkmale als das Tier aufweist. In der Tierwelt herrscht das Recht des Stärkeren. Töne, Laute und Geräusche des Tieres erfolgen aus einer Zweckbestimmung. Sie führen nicht zu eigenständigen komplexeren Gestaltungen. Sie sind angeborene instinktgebundene Äußerungen. Menschen sind mit Vernunft begabte unsterbliche Seelen. Das Lebensgesetz der Menschheit ist die Einheit in der Mannigfaltigkeit. Gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit sind vitale Vorraussetzungen für eine friedliche Entfaltung von Kultur. Alles in der Welt ist beseelt. Die Seele des Menschen allerdings sucht das letzte Ziel der Welt. 

Die Suche nach Schönheit und Wahrheit bewegt die Menschenherzen. In diesem Zusammenhang möchte ich Worte Bahá’u’lláhs anführen, die begründen, warum und wozu wir Schönheit empfinden können: „O Sohn des Menschen! Verhüllt in Meinem unvordenklichen Sein und in der Urewigkeit Meines Wesens, wußte Ich um Meine Liebe zu dir. Darum erschuf Ich dich, prägte dir Mein Ebenbild ein und offenbarte dir Meine Schönheit.“ (Bahá’u’lláh. „Die Verborgenen Worte, arabisch Nr.3)

»Der Liebenden Lehrer ist die Schönheit des Geliebten, Sein Antlitz ist ihr Unterricht und allein ihr Lehrbuch. Das Lernen von Staunen,sehnsüchtiger Liebe ist ihre Pflicht. Sie schauen nicht auf wortkluge Abhandlungen und träge Themen. Die Kette, die sie bindet, ist Sein moschusduftendes Haar.“ (Auszug aus: Bahá’u’lláh. „Die Sieben Täler Die Vier Täler, das dritte Tal.) Wenn der Mensch eine vernunftbegabte Seele ist, die Schönheit empfinden kann, so lässt sich folgern, dass er im Lauf der Entwicklung seiner Art parallel zur Sprachentwicklung die Stimme für den musischen Ausdruck einsetzte.

Musik klingt als Entfaltungsprozess in der Zeit, sie entsteht in der Stille. Einst wurde Rumi gefragt: „Warum redest du so viel über Stille?“ Rumi darauf: „Der strahlende Eine in mir hat nie ein Wort gesagt.“ (Auszug aus Rumi, die Musik, die wir sind) Musik und Sprache kann man als Aktivität von Bedeutungen ansehen. Musik setzt da an, wo Sprache aufhört, folgt aber Gesetzmäßigkeiten von Sprache, ohne selbst etwas genau zu bezeichnen.

Musik hat neben dem Klang zwei Ausdrucksformen: Gesang und Tanz. Gesang entsteht aus dem Atem, der durch die Stimmbänder in Schwingung gebracht wird und Empfindungen nach außen trägt. Werden die Vokale beim Sprechen länger gehalten, entsteht ein Übergang zwischen Sprache und Gesang. Im Lied singt man von der Beziehung zu sich selbst, zu anderen, zum geistigen Licht, zu Gott. Tanz entsteht seit Urzeiten aus dem pochenden Herz, den Schritten des Jägers, aus monotonen Arbeitsgeräuschen, aus der Sehnsucht fliegen zu können und aus dem Spieltrieb. So wird die Zeit als Prozess in faszinierenden Strukturen spürbar gemacht und es entstehen die Rhythmen ritueller Stammestänze, die das Bewusstsein von Gruppen von Menschen zu einer magischen Einheit verschmelzen.

Unsere Welt besteht aus verschiedenen Seinsebenen, die sich aufeinander beziehen, ergänzen und in einer aufsteigenden Ordnung zunehmend komplexer werden. Die Seinsebenen sind das Mineralreich,  das Pflanzenreich, das Tierreich, die Menschenwelt und die Welt der Gottesboten und die Welt Gottes.  Auf der Ebene der Menschenwelt ist das gesungene Wort die höchste und vollkommenste Form der Äußerung, da es etwas vermittelt, dass unaussprechlich ist und nur durch Musik übermittelt werden kann.  Das gesungene Wort offenbart die Seele und den Verstand des Menschen. Somit ist das gesungene Wort im gesamten Mineral-, Planzen-,Tier- und Menschenreich der Träger einzigartiger Schönheit und Wahrheit.

Inspiration ist eine Kraft, die es ermöglicht, schöpferisch zu gestalten.  Sie ist ein geistiges Feld, dessen Wirken Menschen erfahren können. Sie können es erfahren, aber nicht definieren. Inspiration ist eine Zusammenarbeit der noch erdgebundenen Seele und dem Wirken höher entwickelter Seelen der nächsten Welt, sagt Bahá’u’lláh. (Ährenlese 81) Inspiration ist Sehnen, Suchen und schliesslich Empfangen. Sie erreicht uns aus verschiedenen Quellen: Durch unsere Kunstfertigkeit, durch Sinnbilder der Natur, durch die Ausstrahlung der Religionsstifter und durch die Kräfte der in die geistige Welt aufgestiegenen Seelen, denen die Gabe verliehen wurde, unsere Welt in den Bereichen der Kunst und Wissenschaft zu inspirieren. Diese Seelen durchdringen die Welt des Seins wie Sauerteig. Die Arbeit an Musik ist ein nur zum Teil durch Bewusstsein gesteuertes Bemühen. Die durch Inspiration gewährten Einfälle verleihen der schöpferischen Tätigkeit einen anfänglichen Impuls. Der so gebildete Kern einer musikalischen Idee nimmt Gestalt an durch künstlerische Entscheidungen, die entworfen werden durch tiefes Nachdenken. 

 Worte Bahá’u’lláhs:

„O Volk Bahás! Die Quelle für Handwerk, Kunst und Wissenschaft ist die Macht des Gedankens.“ (Bahá’u’lláh, Botschaften aus ’Akká, Worte des Paradises, 6:41)

Der Künstler als Diamant

Der Rohdiamant wird geschliffen, dem Licht ausgesetzt, das er in verschiedensten Farbtönen bricht. Weder gehört ihm das Licht, noch behält er es für sich. Der Diamant ist selbst leer. Ihn interessiert nichts anderes als das Licht. Das Licht kommt aber von einer anderen Quelle, es die weit weit entfernte Sonne, die Licht und Wärme schenkt.  

Der Gestaltungsprozess:

  • alles beginnt mit Spiel  und kristallisiert sich in Komposition
  • Technik und Werkzeuge werden in diesem Prozess erlernt. 
  • Es hilft, über schöpferische Menschen etwas zu erfahren. Einzigartigkeit. Jedes Kunstwerk ist einzigartig, so wie jedes Ding, jedes Wesen in der Schöpfung einzigartig ist, da alle Dinge der Name Gottes: „Der Einzigartige“ spiegeln. 

Reichtum und Feinheit des Klanges

Jeder Ton besteht aus Teiltönen, die den Klangcharakter ausmachen, darum klingt jedes Instrument und jede Stimme anders. Die Arbeit des Musikers an Melodie und Rhythmus ist immer mit der Klangvorstellung verbunden.

Einheit in Mannigfaltigkeit 

Um vollkommen zu sein, muss ein Kunstwerk mannigfaltig sein. Es müssen alle Teile aufeinander in Wechselwirkungen bezogen werden und sie müssen  eine Einheit aufweisen.

Das Ende im Anfang, ein neuer Anfang im Ende 

Jedes Kunstwerk sollte aus einem Keim entstehen, der kraftvoll genug ist, sich zu einem vollständigen Ganzen zu entwickeln. Und jeder Moment eines Kunstwerks trägt in sich den Keim für weitere Kunstwerke. 

Der Musiker gleicht einem Baum

Ich denke an das Sinnbild des Baumes, in dessen Früchten die Samen für viele weitere Bäume enthalten sind. Wie er verwurzelt in der Tradition der Kunst aus dem Dunkel ans Licht aufstrebt, wie er wächst, sich der Sonne zuwendet, deren Wärme und Licht aufnimmt und dadurch gedeiht. Wie er  allen unter seinem Schatten Schutz bietet.Wie der Baum einzeln steht und doch in Gemeinschaft mit anderen lebt, die aber nicht zueinander streben. Sie streben alle aufwärts zu einer Lichtquelle, die sie niemals erreichen, die ihnen aber entgegenkommt und präsent ist in der Art und Weise, die sie fördert, aber nicht überfordert. Auf den Zweigen singen Vögel, d.h. das Pflanzenreich bietet die Lebens-und Gestaltungsgrundlage für das übergeordnete Reich der Tiere. 

Der Bezug zum Wort Gottes:

„Die Sonne der Wahrheit ist das Wort Gottes, von dem die Erziehung der Menschen im Reich der Gedanken abhängig ist. …Sie offenbart sich immer nach der Fähigkeit uns der Art des Spiegels, durch den sie widergespiegelt wird. Wird zum Beispiel ihr Licht auf den Spiegel des Weisen geworfen, dann bringt es Weisheit zum Ausdruck, wird es vom Geist des Künstlers widergespiegelt, so schafft es neue und schöne Künste, leuchtet es durch den Geist des Gelehrten, dann offenbart es Wissen und enthüllt Geheimnisse.“

(Extract from an untranslated Tablet by Bahá’u’lláh compiled by Research Department of the Universal House of Justice, published in Compilation of Compilations, Volume 3, pages 18-45, 2000)

Das Wort Gottes als Triebkraft der Kultur: 

„Ein jegliches Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht, ist mit solcher Kraft versehen, daß es jeder menschlichen Gestalt neues Leben einflößen kann – gehörtet ihr doch zu denen, die diese Wahrheit begreifen! Alle wunderbaren Werke, die ihr in dieser Welt seht, sind durch das Wirken Seines höchsten, erhabensten Willens, Seines wunderbaren, unerschütterlichen Planes offenbart. Durch die bloße Offenbarung des Wortes »Gestalter«, das aus Seinem Munde hervorgeht und der Menschheit Seine Eigenschaft verkündet, hat Er eine Kraft entfesselt, die über die Zeitalter hindurch all die mannigfaltigen Künste erzeugt, derer des Menschen Hände fähig sind. Dies ist wahrlich eine unumstößliche Wahrheit. Kaum wird dieses strahlende Wort geäußert, da bringen seine belebenden, in allem Erschaffenen wirkenden Kräfte die Mittel hervor, die solche Künste schaffen und zur Vollendung bringen. Alle wundersamen Errungenschaften, die ihr jetzt seht, sind die direkte Folge der Offenbarung dieses Namens. In künftigen Tagen werdet ihr wahrlich Dinge sehen, von denen ihr nie zuvor gehört habt.“ (Auszug aus: Bahá’u’lláh. „Ährenlese.“ 74)   

Gewissheit: Der Künstler sollte sich der Gaben, die ihm verliehen werden, bewusst sein.

Freiheit und Unabhängigkeit 

Rumi: „Ich will singen, wie Vögel singen, denen es gleich ist, wer zuhört, oder wer was denken könnte.“ Auszug aus: Rumi  „Die Musik, die wir sind.“

Das Neue und die Tradition: Niemand gestaltet unbeeinflusst, daher ist die  Tradition eine Basis für jede künstlerische Betätigung. Jede Generation hat die Möglichkeit, Neues herauszufinden. Dazu muss man die bestehenden Regeln in Frage stellen.

Feuer der Trennung – Licht der Wiedervereinigung:

„Jedes deiner Dichterworte ist fürwahr wie ein Spiegel, der die Zeichen deiner Ergebenheit und Liebe für Gott und Seine Erwählten wiedergibt. …Deine Gedichte zu lesen, war wirklich sehr eindrucksvoll, denn aus ihnen spricht sowohl das Licht der Vereinigung wie das Feuer der Trennung.“  (Botschaften aus ‚Akká 11:44) 

Bahá’u’lláh sagt hier, ein Kunstwerk sei eindrucksvoll, wenn es zugleich die Entfremdung von Gott – das Feuer der Trennung – und die Freude der Begegnung mit Gott – das Licht der Wiedervereinigung – darstellt. 

Das Wort Gottes steigert die Wirkung des Gebets 

So sagt Bahá’u’lláh:

„Singe die Verse Gottes, o Mein Diener, die du empfangen hast, wie jene sie singen, die Ihm nahe sind, damit die Süße deiner Weise deine Seele entflamme und die Herzen aller Menschen anziehe. Wer zurückgezogen in seiner Kammer die von Gott offenbarten Verse spricht, wird erfahren, wie die Engel des allmächtigen den Duft der Worte, die sein Mund ausspricht, überallhin verbreiten und das Herz jedes Gerechten höher schlagen lassen. Mag er sich zunächst auch dieser Wirkung nicht bewusst sein, so wird doch die Kraft der ihm gewährten Gnade früher oder später Einfluss auf seine Seele haben.“ (Bahá’u’lláh, Ährenlese 136:2)

„Wer die Verse des Allbarmherzigen in den melodischsten Tönen vorträgt, wird durch sie zu einer Erkenntnis gelangen, mit der sich die Souveränität über Erde und Himmel nicht vergleichen lässt. Aus ihnen werden die Menschen den Duft Meiner Welten verspüren – Welten, die an diesem Tage keiner erkennen kann außer denen, die durch diese hehre, diese strahlend schöne Offenbarung mit Scharfblick ausgestattet sind. Sprich: Diese Verse ziehen Herzen, die rein sind, hin zu jenen geistigen Welten, die weder beschrieben noch angedeutet werden können. Selig sind die Hörenden.“

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